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Bildung und Menschlichkeit

Eine der großen Fragen aller Zeiten, nämlich die: inwieweit bestimmen Bildung und Herkunft menschliche Einfühlsamkeit bzw. die Liebe zum Menschengeschlecht schlechthin. Das, was Fedor Dostojewski dazu vor gut 150 Jahren sagte, ist meiner Ansicht heute aktueller denn je.

„Die Seele und ihre Empfindsamkeit lässt sich nicht nach irgendeinem geistigen Niveau beurteilen. Selbst die Bildung ist in diesem Fall kein Maßstab. Ich bin als erster zu bezeugen bereit, dass ich in den allerungebildesten und niedergedrücktesten Menschen, gerade unter diesen Leidenden, Züge von zartester seelischer Entwicklung wahrgenommen habe. Im Ostrogg (Gefängnislager in Siberien  – Anm. von mir) kannte man bisweilen einen Menschen jahrelang und glaubte von ihm, er sei ein Tier und kein Mensch, und man verachtete ihn. Und plötzlich kommt dann ein zufälliger Augenblick, in dem sich sein Inneres in einem ungewollten Ausbruch aufdeckt – und dann sieht man in ihm einen solchen Reichtum, soviel Gefühl und Herz, ein so scharfes Verständnis und ein persönliches Leiden, dass man erst jetzt sehend zu werden meinst, nachdem man im ersten Augenblick seinen eigenen Ohren und Augen nicht getraut hat. Und andrerseits, wie oft findet man das Umgekehrte: da sieht man Bildung mit einer Barberei vereint, mit einem Zynismus, dass einem übel wird, und wie nachsichtig man auch sein wollte, man findet dafür doch keine Entschuldigung, doch keine Rechtfertigung im Herzen.“

Aus Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. Piper. München, Zürich. 11. Auflage, 1999.

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