Auszüge aus einem Interview, das Antonella Barina mit Eugenio Scalfaro, dem Gründer der italienischen Tageszeitung La Repubblica  und einem der letzten großen Intellektuellen Italiens, führte und in der Freitagsbeilage von La Repubblica, „il venerdì“, veröffentlich wurde.

Barina: Warum betrachten Sie Ihr letztes Buch (L´amore, la sfida, il destino – Die Liebe, die Herausforderung, das Schicksal) als den letzten Schritt Ihrer Studien?

Scalfari: Weil ich denke, dass ich endgültig verstanden habe, was für mich der Sinn des Lebens bedeutet. Als Atheist glaube ich nicht an das Jenseits. Da ich mich daher nur für das Diesseits interessiere, habe ich mich davon überzeugt, dass der Sinn des Lebens ein Nicht-Sinn ist: Das Leben hat einen Anfang und ein Ende, man wird zufällig geboren und ebenso stirbt man zufällig. Ein jeder von uns könnte auch nicht geboren werden, ohne dass dies Auswirkungen auf das Universum zeitigen würde. Tatsächlich ist das Leben nur durch kurzweilige Perioden mit Sinn erfüllt, die von Mal zu Mal durch das Aufeinandertreffen unser inneren Welt mit der äußeren Realität bestimmt werden.

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Barina: Ok, also kein ewiges Leben. Bleibt das gegenwärtige, das Sie sich als ein Kartenspiel vorstellen, in das ein Jeder sich ganz einbringt. Der Spieleinsatz: der Versuch, der eigenen Existenz einen Sinn zu verleihen. Die Spieler: unser Instinkt, der durch eine Reihe von Ikonen repräsentiert wird, vor allem durch Eros.

Scalfari: Er wird in der Regel mit dem Gott der Liebe idendifiziert, aber es wäre besser, ihn als den Herrn unserer Begierden zu bezeichnen. Für jeden Typ von Begierde: auf eine Frau oder einen Mann, auf Macht, auf  Erfolg, auf Reichtum oder auf Glück. Eros ist derjenige, der die Karten verteilt und die Spielregeln definiert, denn unsere Begierden sind der Antrieb für alles. Ihre Qualität und ihr Ausmaß  bedingen die stärkere oder schwächere Vitalität eines Jeden von uns.

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Barina: Narziss, die Eigenliebe ist der zweite Spieler am grünen Tisch.

Scalfari: Narziß wird mit uns geboren und lebt mit uns. Die einzigen, die den verhexten Kreis der Eigenliebe verlassen zu suchen, sind die Heiligen, die Verliebten und die Helden. Das Herz der Heiligen schlägt für die anderen, das von Tristan schlägt für Isolde. Die Helden sublimieren ihren Narzismus. Ihre typischen Eigenschaften sind der Wert, die Herausforderung, das Komando und der Sieg. Und sie verweigern sich nicht der Macht, aber vermeiden es, dass die Macht sie beherrscht. Wie Heinrich V. aus Shakespeare, der  –  als junger Mann   zügellos und vergüngungssüchtig – zu einem ruhmvollen Eroberer von Ländern und  Menschen wird, zu einem weisen Herrscher.  Dem es sogar gelingt sich von Falstaff zu lösen, seinem haltlosen Freund, der ihn mit Festen und Ausschweifungen in Versuchung führen wollte.

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Barina: Und der Tod als dritter Spieler?

Scalfari: Wir leben unser Leben damit, ihn zu ignorieren, zu hintergehen oder ihn zu exorzieren. Ohne Erfolg, aber es ist besser so: die Unsterblichkeit wäre etwas Wiederholendes, Langweiliges. Den Tod kann man nur überwinden, wenn man eine Spur von sich, auch die kleinste, zurückläßt. Und man entfernt ihn, wenn man Projekte macht, wie zum Beispiel ich. Ich habe jetzt den Plan zu einem noch nie geschrieben Tagebuch.

Quelle: Il venerdì, Nr. 1337 vom 1. November 2013,

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