Lebensmüde oder einfach nur Pech

Lebensmüde oder einfach nur Pech

Wie ich vor einigen Tagen mal grob ausgerechnet habe, dürfte ich in meinem bisherigen, nicht allzu kurzen Leben etwa 250.000 km auf dem Sattel eines Fahrrads verbracht haben. Soweit nichts Besonderes. Bemerkenswert hingegen, dass ich in all diesen Jahren nie den kleinsten Unfall hatte. Bis vor 2 Monaten, da hat sich das Rad eindeutig  gewendet.

Am 17. April, dem Donnerstag vor Ostern, radelte ich auf meinem Rennrad auf ebener Strecke, die völlig gefahrlos war, und befand mich nur knappe 3 Km von zuhause entfernt. Aus heiterem Himmel bockte auf einmal mein Lenker und ehe ich wußte, wie mir geschah, flog ich in hohem Bogen auf den Kantstein am Sraßenrand. Wobei hoher Bogen ist bei meinem Gewicht wohl übertrieben, aber der Aufprall war trotzdem gewaltig. Ich blieb 2-3 Minuten liegen, befühlte Körper und Glieder, kam langsam wieder zu Atem und dachte, dass ich das Schlimmste überstanden hätte. Folglich setzte ich mich wieder auf mein Rad, das vollkommen heil geblieben war, und radelte die wenigen Kilometer nachhause. Dort musste ich dann aber mit Schrecken feststellen, wie ein Bluterguss sich vom Knie über Oberschenkel bis hinauf in die Rückengegend ausdehnte, immer dunkler und stärker lila wurde, ja an bestimmten Stellen sogar tennisballgroße Ausbuchtungen annahm. Auch begannen mir verschiedene Rippen sehr zu schmerzen. Alles sprach dafür, einen Notarzt zu rufen, aber meine Erfahrungen mit dem italienischen Krankensystem waren ziemlich niederschmetternd, und der Gedanke, 5-6 Stunden in einer Notaufnahme zu warten, bevor irgendein Arzt einen kurzen Blick auf die Ergüsse werfen und mir dann Salben verschreiben würde, hielt mich davon ab. Ich blieb im Bett liegen, versuchte irgendwie einzuschlafen und den nächsten Morgen abzuwarten.

Um es nun kurz zu machen, am nächsten Morgen war ca. 1/5 meines Körpers mit Blutergüßen bedeckt. Ich schleppte mich in eine Apotheke, ließ mir dort Salben geben und heilte das ganze in ca. 4-5 Wochen aus. Die Blutergüsse verschwanden, nur einige Rippen taten noch recht weh. Doch man hatte mir dazu gesagt, dass der Schmerz bei diesen Prellungen  einige Monate anhalten kann. Und das Beste am Ganzen: nach 5 Tagen saß ich wieder auf dem Fahrrad.

Dieser starke Sturz hatte mich nun freilich endlich dazubewegt, den schon vor einigen Jahren erwogenen Kauf eines Mountainbikes voranzutreiben.  Nach einem Besuch bei meinem Fahrradhändler des Vertrauens im slowenischen Koper und den Versuch von 3-4 Rädern, war ich rasch stolzer Besitzer eines Black Forrest Focus Rades. Die extrem breiten Reifen, das angenehme aufrechte Sitzen im Gegensatz zum  Rennrad und das gemächliche Cruisen verschaften mir einen ganz neuen Radelspaß, und hier fühlte ich mich nun auch extrem sicher. So sicher, dass ich am letzten Sonntag  meinen Sturzhelm zuhause ließ und von Muggia aus auf der als Radweg umgebauten alten Eisenbahnstrecke Parenzana Richtung Koper radelte. Unterwegs überholte mich ein Mountainbiker mit relativ kleinen Rädern. Wie bisweilen in solchen Fällen, erwachte bei mir der Ehrgeiz. Ich raunte mir zu, dass der da mit seinen kleinen Rädern mir unmöglich davon fahren könne, und begann also „Gas zu geben“. Recht rasch flitzten wir  auf der Parenzana mit 35 km dahin, doch nach ca. 4 Kilometern wurde ich einsichtiger und sagte mir, der da ist sicherlich 25 Jahre jünger als du, lass ihn also davonradeln, auch wenn du viel größere Räder hast. Dummerweise fuhr  ich aber immer noch mit einem  recht raschen Tempo von ca. 25 Km in die nächste Kurve hinein, als unmittelbar vor mir ein Mopedfahrer aus der Gegenrichtung auftauchte.  Mit meiner Vollbremsung verhinderte ich zwar den Zusammenprall, doch flog dafür wieder – diesmal wirklich in hohem Bogen – vorn über mein Rad. Nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit hätte dies mein Ende bedeuten können mit  mehrfachen Knochenbrüchen und vermatschtem Schädel. Doch diesmal musste ein Schutzengel über mir die Hände ausgebreitet haben, denn ich kam mit einigen Hautabschürfungen und der Erneuerung der Rippenprellung (bin fast auf dieselbe Stelle gelandet) extrem gimpflich davon. Dafür ist das Vorderrad von meinem Black Forrest völlig zu Schrott geworden.

Moral der Geschichte: Von nun an sollte ich wohl besser zu Fuss gehen. Doch ich bin leider unverbesserlich: Morgen dürfte mein Rad repariert sein. Dann wird es hoffentlich gleich munter weitergehen, denn es gibt ja noch soviel zu entdecken, wo ich jetzt sogar Hügel hinaufradeln kann (mein Rennrad war recht alt und hatte keine allzu gute Übersetzung).

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