Sonnenbrillenmonogamist

Sonnenbrillenmonogamist

Im Prinzip bin ich recht monogam veranlagt. Dies gilt besonders auch, was meine Beziehung zu Sonnenbrillen angeht. Das Verhältnis mit meiner letzten Sonnenbrille dauert sicherlich länger als ein Jahrzehnt. Es handelte sich um eine namenslose Polaroidbrille, die jede Menge Reize in sich trug. Sie war leicht, alles aus Plastik und daher in großem Maße biegbar. Sie schützte mich vor intensiven Sonnenstrahlen und spiegelte die Außenwelt recht farbgetreu wider. Die Fassung hatte sich zwar im Laufe der Jahre etwas gelockert, sodass die Gläser herausfielen, doch taten sie dies eigentlich nie, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. Und sie zeigte sich nachsichtig, denn man konnte die Gläser ohne Probleme leicht wieder in die Fassung drücken. Es sprach für sie auch, dass sich die Anschaffungskosten in Grenzen hielten (damals wohl noch ca. 20 DM) und sie mir absolut keine Unterhaltskosten verursachte. Diese Idylle hätte vermutlich noch über Jahre weitergehen können, wenn sie nicht im letzten Jahr vollkommen überraschend auf einem Zagreber Parkplatz verschwunden wäre. Wie zumeist in einer langjährigen Beziehung ist die Schuldfrage nicht eindeutig zu klären. Ging sie auf dem Dach eines anderen Autos fremd, hat sie sich nur einfach aus meiner Tasche fallen lassen, gefiel ihr der Kellner im Restaurant, wo ich mit meiner neuen Freundin zu Mittag gegessen hatte, zu gut oder ist sie einfach aus Eifersucht auf dem Restauranttisch liegen geblieben, wer wird es wissen. Alle meine Nachforschungen blieben jedenfalls ergebnislos.

Seit diesem tragischen Zeitpunkt ist mein Verhältnis zur Sonnenbrillen äußerst problematisch geworden. Da ich mir schon allein wegen der hohen Anschaffungs- und Unterhaltskosten aus Markennamen nichts mache – ich zweifle zudem stark an ihrer Treue -, versuchte ich bislang mein Glück mit chinesischen Sonnenbrillen, die sich für oft lächerlich niedrige Preise um 1-3 Euro hergaben. Zwei oder drei Modelle hatten mich auch durch ihre wohlgestaltetes Äußeres stark beeindruckt, ja ich würde fast von Liebe auf den  ersten Blick sprechen wollen. Lässt man sich dann freilich länger auf sie ein, zeigen sie ihre Tücken und Fehler. So nehme ich mit ihnen die Außenwelt in komischen Farben war, und oft verschaffen sie mir nach kurzer Zeit ein ziemliches Kopfweh.

Doch  vielleicht zeichnet sich am Horizont nun ein Happy End ab, denn vor ca. 7 Tage begegnete ich bei Lidl Auriol. Zuerst einmal trägt sie im Gegensatz zu ihren anonymen chinesischen Vorgängerinnen diesen schönen Namen Auriol. Doch nicht nur dies, denn dank weiterer Angaben wie Cat.3 und U62.447/8 gehe ich auch von einer guten familiären Abstammung aus. Etwas stutzig machte mich freilich der Umstand, dass auch sie in China das Licht der Welt erblickt hat. Doch dies ist wohl heute üblich. Und sie ist nicht wirklich eine Schönheit, nicht proportional gebaut, denn mit ihren verhältnismässig großen Gläsern verdeckt sie gut 50 % meiner Gesichtsfläche. Dies mag sich für mich aber durchaus als vorteilhaft herausstellen, wobei ich da nicht in die Einzelheiten gehen möchte. Jedenfalls vorteilhaft in mehrfacher Hinsicht, denn so dürfte es ihr schwerfallen, mir untreu zu werden. Aber warten wir es ab, denn unsere Beziehung steckt ja noch in den Kinderschuhen.

Liebe Auriol, ich wünsche uns zusammen nur das Allerbeste!

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